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Videoanalyse im Amateurfußball: Was der WFV in 15 Jahren gelernt hat

Frederik Hvillum

Oct 2, 2026

Steffen Sekler vom Württembergischen Fußballverband erklärt, wie Videoanalyse im Amateurfußball die Talentförderung und Trainerentwicklung verändert hat.

Steffen Sekler ist sportlicher Leiter beim Württembergischen Fußballverband und verantwortet Traineraus- und -fortbildung sowie die gesamte Talentförderung. Er hat die Entwicklung der Videoanalyse im Amateurfußball von Anfang an miterlebt, mitgestaltet und drei entscheidende Wendepunkte identifiziert.

Vor 15 Jahren befestigte Steffen Sekler eine GoPro mit einem Magneten an einem Flutlichtmast. Das Bild war wackelig, der Winkel falsch, die Qualität unbrauchbar. Aber der Gedanke dahinter war richtig: Wer Fußball analysieren will, braucht eine Perspektive, die man vom Spielfeldrand aus nicht haben kann.

Aus diesen provisorischen Anfängen wurde beim Württembergischen Fußballverband ein systematischer Ansatz. Heute ist Videoanalyse fester Bestandteil der Trainerausbildung, der Talentförderung und der täglichen Arbeit in Auswahlmannschaften. Sekler beschreibt den Weg dorthin und was der Verband dabei gelernt hat.

Warum Videoanalyse im Fußball mehr als ein Werkzeug ist

Für Sekler ist Videoanalyse kein technisches Add-on, sondern ein didaktisches Instrument. Der entscheidende Unterschied liegt in dem, was ein Trainer auf dem Spielfeld sieht, und dem, was die Kamera sieht. Ein Trainer beobachtet die Aktion, die gerade passiert. Die Kamera zeigt, was gleichzeitig auf dem gesamten Spielfeld geschieht.

„Die Videoanalyse ermöglicht eine interaktivere und tiefgründigere Durcharbeitung von Spielsituationen. Wir können eine Szene mit allen Spielern in Ruhe besprechen und das gesamte Spielfeldgeschehen betrachten, einschließlich des Coachings von Spielern, die nicht direkt am Ball sind," erklärt Sekler.

Die drei Gamechanger der Veo-Kamera im Amateurfußball

Sekler hat in seiner Arbeit viele Kamerasysteme und Analysetools ausprobiert. Die Einführung der Veo-Kamera beschreibt er als Wendepunkt, weil sie drei Probleme gleichzeitig löste, die zuvor ungelöst waren.

„Ich sehe drei Gamechanger: Die vollständige Ausleuchtung des Sportplatzes, das Bewegtbild mit Ball-Tracking und die Möglichkeit, auf das gesamte Spielfeld zuzugreifen. Die Fähigkeit, während des Trainings Sequenzen zurückzuspulen und auf einem großen Bildschirm zu zeigen, ist ein besonders wertvolles Element," sagt Sekler.

Der erste Punkt, die vollständige Ausleuchtung, löst ein praktisches Problem: Amateursportplätze sind oft ungleichmäßig beleuchtet, und handgeführte Kameras folgen dem Ball, nicht dem Spielfeld. Die Veo-Kamera erfasst das gesamte Spielfeld in einer konstanten Qualität.

Das Ball-Tracking verändert die Analysearbeit grundlegend. Statt eines starren Weitwinkelbildes folgt die Aufnahme der Spielsituation und macht Bewegungen und Positionen lesbar, die im Standbild nicht erkennbar wären.

Die Möglichkeit zur sofortigen Wiedergabe auf dem Platz, direkt nach einer Trainingssequenz, schließt den Kreislauf zwischen Übung und Reflexion in Echtzeit. Spieler sehen nicht erst am nächsten Tag, was sie getan haben. Sie sehen es, bevor die Situation aus dem Gedächtnis verblasst ist.

Videoanalyse in der Talentförderung: Wann und wie

Der WFV arbeitet mit Spielern, die nicht aus Nachwuchsleistungszentren kommen, aber das Potenzial haben, für diese interessant zu werden. Für diese Spieler ist Videoanalyse ein zusätzliches Förderinstrument, das ihnen Zugang zu einer Trainingsqualität gibt, die im Vereinsalltag oft nicht vorhanden ist.

Die praktische Herausforderung in Auswahlmannschaften ist die begrenzte gemeinsame Zeit. Sekler hat dafür ein differenziertes System entwickelt, das die Analysemenge an den Kontext anpasst.

„Die Anwendung variiert von individueller Analyse in Einzelgesprächen mit Fokus auf zwei Sequenzen über Gruppenanalyse, zum Beispiel einer Viererkette, bis hin zur Nutzung mit der gesamten Mannschaft. Bei bis zu fünfzig Spielern im Lehrgang kann der Mechanismus weniger genutzt werden," erklärt Sekler.

Ein besonders wirksames Beispiel aus der Praxis: Nach dem Training werden Spielern Sequenzen gezeigt, in denen eine einstudierte Spieleröffnung funktioniert hat. Die Alaba-Spieleröffnung, die der Verband in der Ausbildung vermittelt, wird so nicht nur erklärt, sondern anhand eigener Aufnahmen bestätigt. Spieler sehen sich selbst beim Gelingen, nicht nur beim Fehlermachen.

Warum zu viel Taktik für Jüngere kontraproduktiv ist

Sekler hat eine klare Grenze für den Einsatz von Videoanalyse im Jugendbereich: Je jünger die Spieler, desto weniger Taktik, desto mehr Technik.

„Im Jugendbereich warnen wir davor, zu viel Taktik durch Videoanalyse zu vermitteln. Bei Jüngeren sollte der Fokus auf Technikschulung und die Umsetzung von Technik sowie in 4:4 Formen, s. Trainingsphilosophie Deutschland, liegen, um die Grundausbildung zu stärken. Die Bewegung und der Sport müssen im Vordergrund bleiben. Videoanalyse soll nur punktuell und im richtigen Kontext eingesetzt werden," betont Sekler. 

Das hängt mit einem grundlegenden Prinzip der Trainerphilosophie zusammen, die der WFV vermittelt: Spieler sollen durch die Trainingsstruktur gezwungen werden, Lösungen zu finden, ohne dass sofort direktes Coaching eingreift. Videoanalyse kann diesen Prozess unterstützen, aber sie darf ihn nicht ersetzen. Ein Spieler, der seine Bewegungen durch taktische Anweisungen optimiert hat, hat nicht nachhaltig gelernt, das Problem selbst zu lösen.

Mehr Ballkontakte: Die Philosophie hinter der Methode

Eine der zentralen Erkenntnisse, die der WFV in seiner Ausbildungsarbeit vermittelt, betrifft das Training selbst: Ein Vier-gegen-Vier-Spiel erzeugt für jeden einzelnen Spieler deutlich mehr Ballkontakte als ein Neun-gegen-Neun. Diese Kontaktzahl ist statistisch mit der Entwicklungsgeschwindigkeit von Spielern korreliert.

„Statistische Auswertungen zeigen die immense Wichtigkeit einer hohen Anzahl von Ballkontakten im Training für die Verbesserung der Spieler. Der Fokus auf Ballkontakte hat zu einer Verschiebung hin zu mehr Spielen in kleinen Formen geführt, das wöchentliche Zielspiel - bspw. das 7 vs 7, sollte man dennoch nicht aus dem Auge verlieren" sagt Sekler.

Videoanalyse und dieser Ansatz verstärken sich gegenseitig. Kleine Spielformen mit hoher Kontaktzahl erzeugen mehr analysierbare Situationen pro Spieler. Die Rückmeldung über Video zeigt dem einzelnen Spieler, wie er diese Situationen bewältigt hat, und gibt dem Trainer konkrete Anhaltspunkte für individuelle Korrekturen.

Der Verband als Vermittler zwischen Technologie und Trainern

Sekler sieht die Rolle des Verbands nicht darin, Technologie zu beschaffen, sondern darin, sie zu übersetzen. Der Markt für Videoanalyse-Tools, KI-basierte Apps und Kamerasysteme ist für einen Amateurtrainer schwer zu überblicken. Der Verband filtert, bewertet und gibt didaktisch aufbereitetes Wissen weiter.

„Unsere Aufgabe ist es, zu evaluieren, welche Hard- und Software auf dem Markt sinnvoll ist, diese zu filtern und inhaltlich sowie didaktisch an die Trainer weiterzugeben. Der nächste Schritt ist, Konzepte zu entwickeln, um die besten und effizientesten Methoden für den Umgang mit Videos im Amateurbereich zu finden," erklärt Sekler.

Die Offenheit der Trainer gegenüber Videoanalyse ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Sekler führt das unter anderem darauf zurück, dass die Generation, die heute C oder B-Lizenzen erwirbt, mit Videos aufgewachsen ist und keinen grundsätzlichen Widerstand gegen das Medium mitbringt.

Wie Veo im Amateurfußball eingesetzt wird

Veo ist ein KI-gestütztes Kamerasystem, das Spiele und Trainingseinheiten automatisch aufzeichnet, ohne dass ein Kameraoperator benötigt wird. Die Kamera wird auf einem Stativ an der Mittellinie aufgestellt und verfolgt mithilfe von Computer Vision den Ball und das Spielgeschehen über das gesamte Spielfeld.

Nach dem Spiel wird das Material automatisch auf die Veo-Plattform hochgeladen und verarbeitet. Trainer können Clips erstellen, Sequenzen taggen und Aufnahmen direkt mit Spielern und Trainerstab teilen. Für Verbände bietet die Plattform die Möglichkeit, Aufnahmen zwischen Vereinen auszutauschen und übergreifend zu nutzen.

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FAQs

Wie schützt man Datenschutz und Bildrechte beim Einsatz von Videoanalyse im Fußball?

Beim Einsatz von Videoanalyse im Jugendfußball müssen Datenschutz und das Recht am eigenen Bild gewährleistet sein. Das bedeutet in der Praxis, dass Einwilligungen der Erziehungsberechtigten eingeholt werden müssen, bevor Aufnahmen von Minderjährigen erstellt und geteilt werden. Verbände und Vereine sollten klare Richtlinien für die Speicherung, den Zugriff und die Weitergabe von Videomaterial festlegen.

Was sind die praktischen Vorteile der Veo-Kamera gegenüber einfachen Handyaufnahmen?

Der entscheidende Unterschied liegt in der Perspektive und der Vollständigkeit. Handyaufnahmen folgen dem Ball und verlieren das Spielfeld aus dem Blick. Die Veo-Kamera erfasst das gesamte Spielfeld, verfolgt automatisch die Spielsituation und liefert eine konstante Bildqualität. Das ermöglicht die Analyse von Bewegungen und Positionierungen aller Spieler, nicht nur des Ballführenden.

Wie können Verbände Videoanalyse in die Trainerausbildung integrieren?

Verbände können Videoanalyse in die Trainerausbildung integrieren, indem sie konkrete Methoden für die Nutzung im Trainingsalltag vermitteln, nicht nur das Bedienen von Tools. Das umfasst die Frage, wann eine Analyse eingesetzt werden soll, wie lange sie dauern sollte, wie viele Sequenzen sinnvoll sind und wie das Material didaktisch aufbereitet wird, damit es für Spieler verständlich und motivierend ist.

Ab welchem Alter ist Videoanalyse im Jugendtraining sinnvoll?

Eine klare Altersgrenze gibt es nicht, aber der Inhalt der Analyse sollte dem Alter angepasst sein. Bei jüngeren Spielern sollte Videoanalyse auf Technikschulung ausgerichtet sein, nicht auf taktische Konzepte. Kleine positive Bestätigungen, zum Beispiel eine gelungene Spieleröffnung, sind wirksamer als umfassende taktische Nachbesprechungen. Je älter die Spieler, desto mehr taktische Tiefe ist sinnvoll.

Wie hilft Videoanalyse bei der Talentförderung im Amateurfußball?

Videoanalyse gibt Trainern die Möglichkeit, individuelle Entwicklungsschritte sichtbar zu machen und gezielt anzusprechen. Spieler sehen sich selbst aus einer Außenperspektive, die während des Spiels nicht verfügbar ist. In der Talentförderung ermöglicht das eine präzisere Rückmeldung und zeigt Spielern aus Nicht-NLZ-Vereinen, dass ihr Entwicklungsniveau professionell begleitet wird.